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Diese Schönheit ist letzter Unterstrich persönlicher Geschmackskultur.

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Prothesen, Smartphones und Cyborgs

Bei den im Juli 2014 durchgeführten deutschen Leichtathletikmeisterschaften in Ulm nahm der einseitig unterschenkelamputierte Weitspringer Markus Rehm an den Wettkämpfen der Nichtbehinderten teil. Er erreichte mit einem Sprung von 8,24 m nicht nur die höchste Weite des Wettbewerbs sondern auch die Norm um an den anschließenden Europameisterschaften teilzunehmen.

In der Folge entstand eine Diskussion, in der Zweifel über die Vergleichbarkeit von Sprüngen mit Beinprothese gegenüber jenen mit einem natürlichen Sprunggelenk angemeldet wurden, was nicht abschließend geklärt werden konnte. Schließlich durfte Rehm den Titel als Deutscher Weitsprungmeister in der Kategorie „nichtbehindert“ behalten, für die EM hingegen wurde er nicht zugelassen.

Die Unentschiedenheit dieser Regelung lässt vermuten, dass Rehm mit seinem Sieg etwas getan hat, was auch bei Oscar Pistorius schon einmal eine Rolle spielte und im Umgang mit „Behinderten“ offenbar nicht vorgesehen ist: Dass sie womöglich besser sind.

Vergangene Woche begegnete mir in der Mittagspause ein jüngerer Mann in sportlich-relaxter Erscheinung: Hoch gewachsen, athletische Figur, keine richtige Frisur, sondern praktisch-kurze Haare. Dazu T-Shirt, kurze Shorts und eine Sportbrille wie Surfer oder Skifahrer sie tragen. Interessant war, dass auch dieser Mann auf der rechten Seite oberschenkelabwärts eine Beinprothese trug. In anthrazit-schwarz-glänzender Carbonoptik, filigran anmutender Kniegelenksmechanik war es passend zu seinem übrigen Äußeren eine technologisch anspruchsvolle Sportprothese. Sie erinnerte ein wenig an die Anatomie der Roboter aus „I, Robot“.

Nachdem der Mann an mir vorüber gegangen war, schaute ich ihm nach: Ich nahm die gesamte Erscheinung des Mannes ausgesprochen positiv, ja stylish wahr, und zwar nicht trotz, sondern auch wegen der ausgereiften technischen Ästhetik der Prothese.

Integration

Erblickt ein wie auch immer „behindertes“ Kind das Licht der Welt, fallen die Reaktionen anders aus, als sich das bei „nichtbehinderten“ verhält. Da kann es zu gut gemeinten Formulierungen kommen, die sich aber anhören, als würde die Geburt des behinderten Kindes so etwas wie eine ungerechtfertigte Bestrafung der betroffenen Eltern sein.

Das ist deshalb nachvollziehbar, weil das Aufziehen eines „behinderten“ Kindes bzw. das Leben als „Behinderter“ – je nach Grad der Behinderung in unterschiedlicher Intensität zwar – aber dennoch immer eine Besonderheit darstellt. Es muss sich mit Herausforderungen auseinandergesetzt werden, die sich „Nichtbehinderten“ nicht stellen.

Und da das in einem gesellschaftlichen Kontext geschieht, der sich an einer „nichtbehinderten“ Mehrheit orientiert, wird dies häufig als „Belastung“ für die betroffenen und beteiligten Personen betrachtet.

Die gewünschte gesellschaftliche Reaktion darauf lautet Integration oder Inklusion. Dabei werden die besonderen „Belastungen“, die aus dem „Defizit“ der „Behinderung“ resultieren, identifiziert und Maßnahmen zur Kompensation des „Defizits“ ergriffen um den betroffenen Personen zu einem möglichst „normalen“ Leben zu verhelfen. Zur Definition dessen was normal ist wird auf den Bereich der „nichtbehinderten“ Mehrheit zurückgegriffen.

Ein Anzeichen für ein hohes Maß an Integration ist folglich, wenn „behinderte“ Menschen an möglichst vielen Aktivitäten aus dem „nichtbehinderten“ Bereich teilnehmen können, die ihnen ohne Integrationsmaßnahmen nicht zugänglich wären. Für „Behinderungen“ aufgrund des Fehlens von Körperteilen versucht u.a. die Prothetik hier mögliche Lösungen zu entwickeln.

In den Schilderungen um den Weitspringer Markus Rehm und den anderen Prothesenträger geht es im Kontext „Behinderung“ aber um außergewöhnliches Leistungsvermögen und Ästhetik. Beides zumal in einer Weise, die „Nichtbehinderten“ nicht zugänglich ist.

In dem Gedanken, dass „Behinderung“ auf ein Defizit zurückzuführen ist, und daher eher als ein Weniger an Normalität aufgefasst wird, ist die Vorstellung eines behindertenspezifischen Mehrs – beispielsweise an Leistungsvermögen oder Ästhetik – nicht richtig integrierbar. Deshalb war ich so verwundert, dass der mir entgegenkommende Mann auch aufgrund seiner Beinprothese irgendwie gut aussah und deshalb wussten die Verantwortlichen des Deutschen Leichtathletikverbandes nicht so recht, wie der Sieg Markus Rehms einzuordnen sei.

Analog dem Integrationsgedanken lag in beiden Zusammenhängen ein Behindertenkonzept vor, das davon ausgeht, dass Beinprothesen verglichen mit gesunden Beinen etwas Schlechtes sind und sie daher weder schön sein können noch, dass man damit schneller laufen oder weiter springen könne.

Da beides nicht zutrifft, scheint es, dass es hier um etwas anderes als um ein Problem in der Differenzierung von Behinderten und Nichtbehinderten geht.

Prothetik

Dass überhaupt eine ästhetische Zuschreibung an eine Beinprothese möglich ist, begründet sich in den technischen Möglichkeiten der Prothetik. Unter Verwendung modernster Materialien sind Beinprothesen inzwischen hochspezialisierte feinmechanische Anfertigungen bei denen es um gewichtsarme Bauweise, mikroprozessor­­gesteuerte Rotations­hydraulik, optimale Dämpfungscharakteristik und hohe Schrittfrequenzen geht.

Im Bedarfsfall kommen myoelektrische Verfahren zum Einsatz, bei denen die Prothese durch Muskelkontraktionen in Bewegung gesetzt wird. Folglich darf man von ausgesprochenen High-Tech-Produkten sprechen und das ist insbesondere bei Sportprothesen auch deutlich zu erkennen. Versuche das äußere Erscheinungsbild menschlicher Extremitäten zu simulieren werden hier nicht unternommen, sodass auch in der Erscheinung eigentlich von Mensch-Maschinen-Kombinationen gesprochen werden kann.

Dadurch entstehen allerdings Ähnlichkeitseffekte zu einem Phänomen, das insofern eine gewisse Faszination ausübt, als dass es wiederkehrend in Literatur und Film bearbeitet wird.

Mensch-Maschinen

Es ist bemerkenswert wie oft der Cyborg, ein Mischwesen aus lebendigem Organismus und Technologie in der Populärkultur auftaucht: Von Inspektor Gadget, dem Sechs-Millionen-Dollar-Mann über RoboCop, den Universal Soldiers und den Borg bis hin zu Darth Vader und Iron Man ist der Cyborg ein ausgesprochen zuverlässiger Begleiter moderner Erzählkultur.

Interessanterweise wird in bei diesen Cyborgs jedoch nicht von Prothetik gesprochen, was daran liegt, dass diese Mensch-Maschine-Verbindungen nicht wie bei der Integration von „Behinderten“ aus einer Denkrichtung stammen, in der es darum geht, Defizite im Hinblick auf eine nichtbehinderte „Normalität“ zu kompensieren. Nein, bei diesen Cyborgs handelt es sich – getragen vom Gedanken an den technischen Fortschritt – um Fantasien dessen, was technologisch vorstell- bzw. machbar erscheint.

Sie verfügen deshalb alle über Eigenschaften und Fähigkeiten, die die Leistungsfähigkeit eines „normalen, nichtbehinderten“ Menschen weit übertreffen, was logisch ist, da das beim fiktionalen Cyborg in der Regel ja der Sinn der Mensch-Maschinen-Verbindung ist. Fraglos trägt das, ins Extrem getrieben, ambivalente, gar monströse Züge.

Und dennoch fasziniert der Gedanke, dass mithilfe technischer Möglichkeiten die Grenzen menschlichen Vermögens manipulier wären: Darin begründet sich das Interesse am Cyborg, mithin dies ist seine Ästhetik.

Mensch-Maschinen-Verbindungen beschränken sich jedoch nicht auf die Bereiche Prothetik und Literatur bzw. Film. Auch in anderen Bereichen der Medizin – man denke an Herzschrittmacher, künstliche Gelenke, Hörgeräte oder Brillen – gehören sie längst zum Alltag. Der Mensch zudem als konstitutiv technisches Wesen gedacht, das sich immer mit Werkzeugen, Waffen oder sonstigem technischen Gerät ausstattet, erklärt praktisch jeden zum Cyborg.

Das scheint jedoch nicht sinnvoll, da dann der Begriff nicht nötig wäre. Es ist deshalb hilfreich ein bestimmtes Maß an Nähe von Körper und Technik und auch die Erweiterung menschlicher Leistungsfähigkeit als Kriterien heranzuziehen.

Smartphones

Eine der erfolgreichsten technischen Innovationen jüngerer Zeit dürfte das Smartphone sein. Im Jahr 2013 nutzten 1,3 Milliarden Menschen Smartphone, gegenwärtig dürften es etwa 1,9 Milliarden sein und für 2018 werden etwa 2,6 Milliarden Nutzer prognostiziert.

Eine Untersuchung der Universität Bonn mit Schwerpunkt in der Altersklasse 17 – 23 ergab, dass das Gerät im Schnitt 135 Mal am Tag in die Hand genommen wird. Nimmt man etwa 8 Stunden Schlafphase an, wären das alle siebeneinhalb Minuten Körper- und Augenkontakt zu einem technischen Gerät.

Die am häufigsten genutzten Dienste sind dabei Messenger, Applikationen sozialer Netzwerke, News, Browsing und Search sowie Kalender-, Notiz- und Navigationsanwendungen.

Die Leistungsfähigkeit der menschlichen Sinnesorgane und kognitiven Fähigkeiten im Hinblick auf kommunikative Möglichkeiten, das Speichern von Informationen sowie die Orientierung in Zeit und Raum wird dadurch um ein Vielfaches potenziert. Das ist an sich nichts Besonderes: Leistungssteigerungen in diesen Bereichen mithilfe technischer Errungenschaften gehören zur menschlichen Zivilisationsgeschichte.

Dass dies aber bei etwa 2 Milliarden Menschen über einen relativ hochfrequenten Körper- und Augenkontakt zu ihren Maschinen erfolgt, ist eine Innovation, die es erst seit dem Smartphone gibt. Technologien wie Google Glass oder Smartwatches sind zudem in der Lage den Mensch-Maschinen-Kontakt bis in die Permanenz zu intensivieren.

Cyborgs

Im Zusammenhang von Smartphones wird in der Regel jedoch nicht von kommunikativer oder kognitiver Prothetik gesprochen. Das hat seine Ursache darin, dass Smartphones aus anderen Überlegungen als Prothesen entwickelt werden.

Es geht hier nämlich nicht um die Kompensation von „Defiziten“ im Hinblick auf eine „nichtbehinderte Normalität“, sondern um Erweiterung  der kommunikativen und kognitiven Fähigkeiten von „Nichtbehinderten“ und zwar mithilfe von Geräten in unmittelbarer Nähe zum menschlichen Körper. Das sind aber Eigenschaften, die einen Cyborg ausmachen.

Recht interessant ist in dem Zusammenhang ein Vergleich zwischen dem, was ein Google Glass-Nutzer wahrnimmt, wenn er eine Person betrachtet und der Ansicht des Terminators in der gleichen Situation.

Es ist eigentlich nicht verwunderlich, dass mit Cyborgs e.V. in Berlin eine „Gesellschaft zur Förderung und kritischen Begleitung der Verschmelzung von Mensch und Technik“ existiert. Und auch der erste staatlich anerkannte Cyborg Neil Harbisson, dessen Farbenblindheit mit dem sog. Eyeborg, einem fest an seinem Kopf installierten Gerät, kompensiert wird, greift im Grunde nur eine gesellschaftliche Entwicklung auf, die ohnehin, zumal auf breiter Front, längst im Gange ist.

Der Unterschied zwischen einem Gerät, das alle paar Minuten in die Hand genommen wird und einem, das fest implantiert ist, ist nicht wirklich groß. Vielmehr gibt es ziemlich viele Menschen, die den Zustand, wenn sie ihr Smartphone verloren haben oder nur der Akku leer ist, mit einer Amputation vergleichen.

Ob feste Mensch-Maschine-Verbindungen mit dem Ziel der Verbesserung der menschlichen Leistungsfähigkeit zu einem Massenphänomen werden, ist deshalb keine wirklich relevante Frage. Allenfalls, wann es dazu kommen wird, ist nicht vorherzusagen. Besonders lange kann es nicht mehr dauern.

Die Leistungsfähigkeit prothetischer Technik ist im Moment dabei ihren angestammten Bereich, in dem es um die Kompensation von Behinderungen ging, zu verlassen. Dort sind in Zukunft Extremitäten herstellbar, die nicht nur leistungsfähiger als „nichtbehinderte“ Arme und Beine sind, sondern in ihrer technischen Raffinesse an die Ästhetik der fiktionalen Mensch-Maschinen-Verbindungen aus Literatur und Film anschließen.

Gleichzeitig halten gegenwärtig 2 Milliarden Menschen hochfrequenten Körperkontakt zu ihren Smartphones. Technologien wie Smartwatches und Google Glass intensivieren eine Entwicklung, die schließlich zur Möglichkeit der festen Implantation in den menschlichen Körper führen wird.

Das mag befremdlich wirken, doch ist rein handwerklich Vergleichbares in der orthopädischen Chirurgie heutzutage genauso unspektakulär wie nicht medizinisch induzierte Eingriffe zur „Verbesserung“ des Körpers in der plastischen Chirurgie.

Die Anzahl der “Verrückten”, die sich freiwillig operativ die Brüste vergrößern oder die Nase verkleinern ließen, erreichte irgendwann eine solch kritische Menge, sodass sich derlei zu etwas sehr Normalem transformierte. Was spricht daher dagegen, dass sich nicht eine Zahl von Iron-Man-Fans findet, die Google Glass und Smartphone beiseitelegen und sich stattdessen deren Funktionen in den Kopf implantieren lassen. In einem solchen Zustand macht es dann auch Sinn bei Verlust oder leeren Akkus von Amputation zu sprechen.

Die Zeit der Cyborgs als Science-Fiction-Figuren ist vorüber. Sie sind längst unter uns und alle machen mit…

Kategorie: medien

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