Technik, Fußball und Idioten

Stefan Küchler

Im Vorprogramm des WM-Eröffnungsspiel lief ein einigermaßen epischer Nike-Animationsspot, in dem Stars wie Ronaldo, Neymar oder Iniesta sich neue Jobs suchen müssen, weil sie in Matches gegen aus ihnen selbst geklonte Fußballer keine Sonne sehen. Die Klone sind perfekte Kicker, die emotionslos und mechanisch den mathematisch besten Fußball spielen.

Mastermind Ronaldo – der aus Brasilien allerdings – erträgt diese Situation nicht, da er den packenden, den spannenden, na halt den emotionalen Fußball vermisst und versammelt die ehemaligen Stars um sie daran zu erinnern, dass nicht nur Technik, sondern auch der Mut zu ganz wahnsinnigen Aktionen den Fußball ausmachen.

Bereit alles für den Sieg zu riskieren, treten die Jungs erneut gegen die Klone an und in einer magischen Fußballshow schießt logischerweise Ronaldo – diesmal der aus Portugal – das ganz unmathematische Siegtor. Schöne Geschichte, Botschaft ist verstanden, Nike ist super und damit hat sich´s.

Nicht unbedingt, denn der Spot liefert mit seinen Fußballrobotern eine interessante Vorlage allgemein über den Zusammenhang zwischen Technik und Fußballzirkus nachzudenken. Die Leute der Federation of International Robot-Soccer Association (FIRA) sind zwar der Meinung, dass schon bald der menschliche Fußballweltmeister geschlagen würde, aber wenn man sich aber das Gehampel bei den aktuellen RoboCups so anschaut… das dauert schon noch ein bisschen.

In einem anderen Bereich des Fußballs aber hat die Technik eine so starke Wirkung und zudem auch breite Akzeptanz, dass es die Art wie darüber gesprochen wird in den letzten Jahren so sehr verändert hat, dass ein wesentliches Element des Fußballs mittlerweile wie ein echter Idiot aussieht.

Referees under Control

Das Agieren der Schiedsrichter steht heute unter einer technisch hochgerüsteten medialen Überwachung. Jedoch ist die begleitende Kommunikation dieses Phänomens so gar nicht im Tenor einer unterstützenden Wirkung – wozu Technik üblicherweise ja da sein soll – sondern verfolgt ganz im Gegenteil die permanente Demontage des Objekts ihrer Überwachung, schlicht weil diesem selbst diese Technik gar nicht zur Verfügung steht.

Die Art und Weise wie über Schiedsrichter gesprochen wird, hat sich in den vergangenen Jahren so sehr verändert, dass es ganz unwahrscheinlich erscheint, dass nochmal ein Vertreter dieses Fachs einen Heldenstatus erreicht, wie das z.B. dem legendären Pierluigi Collina gelang. Der Grund hierfür ist, dass praktisch jede Aktion eines Schiedsrichters mithilfe technischer Unterstützung auf ihre vermeintliche Richtigkeit überprüft und dem Ergebnis dieser Inspektion kategorisch mehr Glaubwürdigkeit als der Entscheidung des Referees geschenkt wird.

Das konnte er nicht sehen

Ausgangspunkt für diese Entwicklung war die Zeitlupe, deren Einführung dem Wunsch nach nochmaliger Rekapitulation des Geschehens auf dem Platz Rechnung trug, schlicht weil es entweder beim ersten Mal nicht so recht zu erkennen ist oder weil es so schön oder schrecklich ist, dass die Leute sich nicht daran satt sehen können. Damit einher gingen auch die Interpretationen über die Richtigkeit von Schiedsrichterentscheidungen – Foul ja/nein, Ball im Aus ja/nein usw. Es blieb aber bei der Interpretation, denn es waren noch nicht so viele Kameras in den Stadien, dass vermeintlich glasklare Urteile über die Schiedsrichterentscheidungen möglich waren. Auch die hundertste Wiederholung einer Zeitlupe brachte manchmal keine eindeutige Gewissheit. Der Fußball hatte halt noch knifflige Situationen. Dadurch existierte eine gewisse Solidarität mit den Schiedsrichtern in der Berichterstattung.

Selbst wenn die Zeitlupe zeigte, dass eine Fehlentscheidung getroffen wurde, begleiteten  Kommentare dies eher versöhnlich mit Äußerungen wie „Konnte er nicht sehen.“ oder „Aus seiner Perspektive korrekte Entscheidung.“ In diese Zeit fällt auch das Verfluchen von Schwalbenkönigen, deren fiese Eigenschaft ja ist, auszunutzen, dass der Schiedsrichter nicht immer alles genau erkennen kann. Die beschränkten Möglichkeiten der ersten Zeitlupen machten das nachvollziehbar.

Gerade bei kniffligen  Fehlentscheidungen, die zu unberechtigten Elfern führten, waren es eher die fallfreudigen Spieler, die im Focus des Zorns standen – man denke an Andi Möller, dem das die halbe Karriere versaut hat – mit dem armen Schiri hingegen hatte man fast Mitleid.

Das hätte er sehen können

Der nächste Schritt war die standardisierte Rekapitulation von Abseitsentscheidungen. Von der Spielfeldseite gefilmt und in Zeitlupe wiederholt ließ sich sehr viel besser erkennen, ob etwas Abseits war oder nicht und zudem auch beurteilen, ob der Linienrichter richtig entschieden hatte. Und langsam drehte sich der Wind: Aus „schlechter Sicht“ und „Irrtümern“ wurden allmählich „Fehlentscheidungen“. Doch es blieb noch knifflig – Abseits ist oft genug eine Frage von Zentimetern und hier ließ einen die Zeitlupe noch oft genug etwas unsicher zurück.

Mit den Dimensionen der modernen Fernsehvermarktung und den Möglichkeiten der Digitalisierung allerdings wurde hochgerüstet. Die Anzahl der Kameras in den Stadien nahm exponentiell zu, jede Szene auf dem Platz wurde aus allen möglichen Winkeln aufgefangen und Zeitlupen kamen zusehends via Augmented Reality daher.

Fragen nach Abseits ja/nein, korrektem Abstand der Freistoßmauer oder Ball drin ja/nein stellen sich damit nicht mehr, denn sie können mithilfe virtueller Linien und Wiederholungen in allen erdenklichen Perspektiven mit chirurgischer Genauigkeit ein für alle Mal geklärt werden. Die damit eintretende Gewissheit über das wahrhaftige Vorgehen auf dem Platz bereinigt den Fußball aber von jeder Unklarheit und jedem Interpretationsspielraum. Genau das aber ist eigentlich der Aktionsraum des Schiedsrichters. Dessen technisches Eqipment allerdings beschränkt sich auf Walkie-Talkie, Digitaluhr und Trillerpfeife.

Erstaunlich ist dann wie sich dadurch die Rhetorik in der Schiedsrichterbeurteilung gewandelt hat. Verständnis oder Mitleid für fehlerhafte Entscheidungen sind ein Relikt der Vergangenheit. Vielmehr wird so getan, als gäbe es das technische Defizit der Schiedsrichter nicht – es wird ganz selbstverständlich erwartet, dass sie so viel sehen wie 1.000 Kameras und Zeitlupen und tun sie es nicht, sind sie zum Abschuss frei gegeben. Spielberichte sind heutzutage in der Tat in weiten Teilen Schiedsrichterbashing. Da mittlerweile jede ihrer Entscheidungen nicht mehr nur rekapituliert sondern vermeintlich abschließend auf richtig oder falsch beurteilt werden kann und dieses Urteil auch über jeden Zweifel erhaben ist, kommt jeder Referee nach Abpfiff erstmal vor das Videogericht. Dort wird ihm dann auseinandergesetzt, was er heute wieder alles falsch gemacht hat.

Als Beispiel hierfür genügt ein Blick in die Berichterstattung zu den ersten Spielen der aktuellen WM. Dass der Elfmeter im Eröffnungsspiel für Brasilien eher zweifelhaft war, steht außer Frage, doch wird sich in der Diskussion ausschließlich auf den japanischen Schiedsrichter gestürzt, weil dieser ja nicht sah, was – den großen Augen der Technik sei Dank – alle sahen. Auf die Idee, dass es ja eigentlich die Schwalbe des Brasilianers Fred war, die zum unberechtigten Elfer führte und vielleicht eher der unsportliche Stürmer der Seleção an den Pranger gehört, kommt seltsamerweise fast keiner mehr. Der Schiri muss das sehen!

Und auch die Irrtümer beim Spiel zwischen Mexiko und Kamerun hatten nicht eben zimperliche Schiedsrichterschelte zur Folge in der von „Unfähigkeit“ und „Tore stehlen“ die Rede war.

Idioten

Es geht hierbei nicht darum, dass falsche Entscheidungen durch die Schiedsrichter getroffen wurden. Interessant ist jedoch, dass angesichts der zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten jede Situation auf dem Platz scheinbar endgültig geklärt werden kann und auf dieser Grundlage nicht mehr der geringste Raum an Toleranz gegenüber zweifelhaften Schiedsrichterentscheidungen zur Verfügung steht. Entschuldigende Formulierungen wie „Konnte er nicht sehen.“ sind nicht mehr zulässig in Zeiten wo für alle alles auf dem Fußballplatz sichtbar ist. Der Witz ist: Für alle außer die, die es sehen müssen.

Der Fußball hat hier allerdings auch eine besondere Situation. Da sich Organisationen wie FIFA oder UEFA konsequent dem Einbau technischer Hilfsmittel in das Fußballreglement verweigert haben, wurde die Technik in erster Linie durch die mediale Berichterstattung von außen an den Sport herangetragen. Dies hat zur Folge, dass die technikunterstützte Beurteilung des Platzgeschehens abseits des eigentlichen Fußballspiels stattfindet und deshalb überhaupt keinen Einfluss auf das Spielgeschehen hat.

Den Schiedsrichter bringt das in die paradoxe Situation, dass er zwar autonom entscheidet, ob etwas Abseits oder nicht war, hinsichtlich der zur Verfügung stehenden Möglichkeiten diese Entscheidungen zu treffen ist er aber der Dümmste auf dem Platz. Bei einem WM-Spiel weiß deshalb in der Regel der halbe Planet besser Bescheid.

Da stehen die Referees in anderen Sportarten wie z.B. Tennis besser da – hier ist die Hawkeye-Technologie fester Bestandteil des Spiels. Allerdings  ist ihr Einsatz reglementiert – pro Satz und Spieler darf das Hawkeye genau zweimal eingesetzt werden, was schlau ist, denn dadurch bleibt dem Schiedsrichter bei wohldosierter Unterstützung durch zeitgemäße Technik die prinzipielle Entscheidungshoheit bei strittigen Spielsituationen – genau das ist sein Job. Die mangelnde Integration technischer Hilfsmittel in das Fußballreglement hingegen macht die Sache einzig zu einer lustigen Spielerei an deren Ende die Referees halt wie Idioten aussehen.

Der urplötzliche Einsatz der Torlinientechnik bei der WM macht die Situation aber nicht besser, denn anders als das Tennis-Hawkeye wird sie nicht reglementiert sondern bei jedem Ball, der (ins) Tor geht, eingesetzt. Das wird spätestens dann interessant, wenn die Technik mal rumspinnt und ein Tor gibt, während das halbe Stadion gesehen hat, dass er nicht drin war. Mal sehen, was der Referee dann macht…